Tracht neu gedacht – aus Bayern, dem Elsass und der Toskana heraus
Korsetts, Janker, handgefertigte Schuhe – bei MARIAHAUSE wirken vertraute Formen plötzlich anders. Marie Weber verbindet Handwerk aus drei Ländern zu einer stillen, eigenwilligen Gegenbewegung zur schnellen Mode. Ein Porträt über Herkunft, Handarbeit und die Frage, was Kleidung heute noch erzählen kann.



Sie nennt es nicht Tracht. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Bei MARIAHAUSE tauchen diese Bilder zwar auf – Korsetts, Strick, schwere Stoffe, Schuhe mit fast sonntäglicher Gravität. Aber sie bleiben nicht stehen. Sie rutschen, verschieben sich, verlieren ihre Eindeutigkeit. Was vertraut wirkt, wird plötzlich offen.
Es hat viel mit Herkunft zu tun. Und damit, wie man sich von ihr entfernt.
Geboren in München, aufgewachsen irgendwo zwischen Bayern und dem Elsass, später Paris und Florenz – das klingt erstmal nach klassischer Modebiografie. Ist es aber nur zur Hälfte. Die andere Hälfte ist Handwerk. Seit über zehn Jahren entwirft sie Schuhe für traditionsreiche französische Häuser wie Berluti oder Paraboot, wo sie Präzision, hohen Anspruch und vielleicht auch Disziplin gelernt hat. Und irgendwann reicht ihr das nicht mehr. 2012 gründet sie ihre eigene Marke, 2018 ein Atelier in Troyes. Seitdem macht sie die Dinge selbst. Wirklich selbst.

Was sie heute macht, lässt sich schwer in Kategorien pressen. Mode trifft es nicht ganz. Kunst auch nicht. Vielleicht ist es näher an einer Praxis – einer, die sich aus Begegnungen und Leidenschaft speist. Denn alles bei MARIAHAUSE bewegt sich in diesem Dreieck: Elsass, Bayern, Toskana. Drei Regionen, aufgeladen mit Geschichte, Bildern, Erwartungen. Und auch mit Missverständnissen. Zu oft reduziert auf das, was sich leicht erzählen lässt.
Weber interessiert sich für das, was dahinter liegt. Für die leisen Verschiebungen. Sie spricht davon, Verbindungen zu schaffen. Nicht im abstrakten Sinn, sondern ganz konkret: Materialien, die reisen. Handwerker und Kreative, die zusammenarbeiten, obwohl sie aus unterschiedlichen Traditionen kommen. Menschen, die sich begegnen und dabei ihre eigene Praxis hinterfragen. Diese Bewegung setzt etwas in Gang – Resonanz, wie sie es nennt.
Und genau hier beginnt ihre Arbeit an der Tracht.
Nicht als Zitat. Nicht als ironischer Kommentar. Sondern als ernst gemeinte Auseinandersetzung. Tracht wird bei ihr nicht reproduziert, sondern verschoben – in einen neuen Kontext, der sie von Folklore befreit, ohne ihre Herkunft zu leugnen. „Bayern ist mehr als Zöpfe und tiefes Dekolleté.“ Der Satz wirkt fast beiläufig, aber er sitzt. Es geht um ein anderes Verständnis von Identität: weniger Bild, mehr Erfahrung.



Die Kollektion „Accento Francese“ trägt diese Idee schon im Titel. Ein Akzent entsteht immer im Verhältnis – zum Ort, zum Gegenüber. Er ist nichts Festes, sondern etwas, das sich verändert. Genau so funktionieren auch die Stücke. Da ist zum Beispiel das Modèle Weber, ein Korsett aus Jacquard und Leder. Formal ließe es sich irgendwo einordnen, vielleicht sogar historisch lesen. Aber dann verschieben sich die Ebenen: Stoffe aus einer bayerischen Weberei, gefertigt in München, weitergedacht in der Toskana. Kein Ursprung, sondern mehrere. Oder der Janker. Schon das Wort ist aufgeladen. Bei MARIAHAUSE wird er leiser. Handgestrickt, entwickelt in Straßburg und München, ohne die üblichen Codes. Eher eine Erinnerung an etwas, das man nicht mehr genau benennen kann.
Die Schuhe tragen diese Bewegung vielleicht am deutlichsten.
Das Modell Lanoue wirkt auf den ersten Blick klassisch – italienisches Kalbsleder, präzise gearbeitet, Blake-Naht. Aber dann diese Stickereien, die nicht schmücken, sondern erzählen. Kleine Eingriffe, die das Objekt aus seiner Selbstverständlichkeit holen. Und Domenica: Trauben aus einem elsässischen Weinberg, gegossen von einer Kunsthandwerkerin in Paris. Eingearbeitet in einen Schuh, der plötzlich mehr ist als ein Gebrauchsgegenstand. Ein Ort, an dem sich Dinge überlagern. Am weitesten geht vielleicht der Schuh Sonntag. Eine alte Tischdecke, darin ein Medaillon mit Spuren von Haaren – fragile Relikte von Frauen, die für Weber wichtig waren. Man zögert kurz, ob man das noch Mode nennen kann. Vielleicht ist es eher Erinnerung, materialisiert.



Was all diese Stücke verbindet, ist Zeit. Nicht als Konzept, sondern als reale Größe. Produktion bedeutet hier: Zusammenarbeit. Austausch. Warten. Materialien kommen von kleinen Betrieben aus Frankreich, Deutschland, Italien. Jeder Schritt ist sichtbar, zumindest im Ergebnis.

Auch die Bilder folgen dieser Logik. Modefotograf und Videokünstler Leonardo Casalini begleitet das Projekt nicht von außen, sondern mittendrin. Für das erste Shooting zieht sich das Team in die Berge zurück, auf Webers Lieblingsort: die „Ritzau Alm“ bei Kufstein. Vier Tage, abgeschieden. Eine Art temporäre Gemeinschaft. Die Fotos wirken entsprechend: wenig Inszenierung, viel Atmosphäre. Schnee, Innenräume, Körper, die nicht posieren, sondern einfach da sind. Kleidung wird nicht gezeigt, sondern getragen. Zwei Frauen, zwei Orte, zwei Kontexte – ein Spiegelbild der Vorstellung, dass man mehrere Geschichten haben kann. Ein Kurzfilm, der bald gezeigt wird wurde mit einer Super-8-Kamera gedreht, was ebenfalls eine zeitlose Technik widerspiegelt.


Vielleicht ist das die stärkste Verschiebung, die MARIAHAUSE vornimmt: Tracht wird hier nicht ausgestellt. Sie passiert. Als etwas, das sich verändert, sobald es den Ort wechselt. Sobald jemand anderes es trägt. Sobald eine neue Geschichte dazukommt. Marie Weber macht daraus kein großes Programm. Sie formuliert es nicht laut aus. Sie arbeitet einfach weiter. Präzise. Und ziemlich unbeirrbar.


Gut zu wissen
Die Kollektion wurde im Februar erstmals in Paris im Garten des Palais Royal präsentiert. Vom 25. Juni bis zum 7. Juli wird sie am selben Ort erneut zu sehen sein:
145 Galerie de Valois
Jardin du Palais Royal
75001 PARIS








