MARIAHAUSE: Wie Marie Weber Tracht zwischen Bayern, Elsass und Toskana neu denkt

Frau mit Sonnenbrille trägt ein Korsett von MARIAHAUSE und steht vor einem Spiegel in einem historischen Interieur

Tracht neu gedacht – aus Bayern, dem Elsass und der Toskana heraus

Korsetts, Janker, handgefertigte Schuhe – bei MARIAHAUSE wirken vertraute Formen plötzlich anders. Marie Weber verbindet Handwerk aus drei Ländern zu einer stillen, eigenwilligen Gegenbewegung zur schnellen Mode. Ein Porträt über Herkunft, Handarbeit und die Frage, was Kleidung heute noch erzählen kann.

Frau mit Sonnenbrille und Choker von MARIAHAUSE vor verschneiter Berglandschaft
Ein Gesicht im Übergang – getragen von Landschaft, Bewegung und Identität. Korsett „Modèle Weber“: in Zusammenarbeit mit Veronika Halser in München gefertigt und dann in der Toskana produziert, Jacquard-Stoff der Weberei Höfer aus Breitbrunn, italienisches Kalbsleder und Handstickereien. 980 Euro
Frau mit Akkordeon steht lachend im Schnee und trägt ein Outfit von MARIAHAUSE
Tradition ist hier kein Bild, sondern Bewegung – lebendig, nicht museal.
Frau in vollständigem MARIAHAUSE Outfit steht im Schnee mit Bergen im Hintergrund
Ein Look, der sich nicht festlegt – geprägt von Herkunft, in Bewegung gedacht. „Modèle Dufrene“: Halbrock aus 100 % reine Schurwolle, entworfen in Florenz und München, hergestellt in München.

Sie nennt es nicht Tracht. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Bei MARIAHAUSE tauchen diese Bilder zwar auf – Korsetts, Strick, schwere Stoffe, Schuhe mit fast sonntäglicher Gravität. Aber sie bleiben nicht stehen. Sie rutschen, verschieben sich, verlieren ihre Eindeutigkeit. Was vertraut wirkt, wird plötzlich offen.

Es hat viel mit Herkunft zu tun. Und damit, wie man sich von ihr entfernt.

Geboren in München, aufgewachsen irgendwo zwischen Bayern und dem Elsass, später Paris und Florenz – das klingt erstmal nach klassischer Modebiografie. Ist es aber nur zur Hälfte. Die andere Hälfte ist Handwerk. Seit über zehn Jahren entwirft sie Schuhe für traditionsreiche französische Häuser wie Berluti oder Paraboot, wo sie Präzision, hohen Anspruch und vielleicht auch Disziplin gelernt hat. Und irgendwann reicht ihr das nicht mehr. 2012 gründet sie ihre eigene Marke, 2018 ein Atelier in Troyes. Seitdem macht sie die Dinge selbst. Wirklich selbst.

Marie Weber steht vor einem Geschäft mit ausgestellten Schuhen von MARIAHAUSE
Marie Weber, Gründerin und künstlerische Leiterin von MARIAHAUSE. Unterwegs in Frankreich, Deutschland und Italien lässt sie heute die Geschichte von MARIAHAUSE entstehen: eine Hommage an all diese Reisen, reich an Begegnungen und Eindrücken, eine Würdigung ihrer doppelten Rolle als Designerin und Handwerkerin, eine Tribüne für das Produkt und das Kunsthandwerk, eine Antwort auf die tiefe Überzeugung, dass Zusammenarbeit und die Kraft menschlicher Beziehungen von entscheidender Bedeutung sind.

Was sie heute macht, lässt sich schwer in Kategorien pressen. Mode trifft es nicht ganz. Kunst auch nicht. Vielleicht ist es näher an einer Praxis – einer, die sich aus Begegnungen und Leidenschaft speist. Denn alles bei MARIAHAUSE bewegt sich in diesem Dreieck: Elsass, Bayern, Toskana. Drei Regionen, aufgeladen mit Geschichte, Bildern, Erwartungen. Und auch mit Missverständnissen. Zu oft reduziert auf das, was sich leicht erzählen lässt.

Weber interessiert sich für das, was dahinter liegt. Für die leisen Verschiebungen. Sie spricht davon, Verbindungen zu schaffen. Nicht im abstrakten Sinn, sondern ganz konkret: Materialien, die reisen. Handwerker und Kreative, die zusammenarbeiten, obwohl sie aus unterschiedlichen Traditionen kommen. Menschen, die sich begegnen und dabei ihre eigene Praxis hinterfragen. Diese Bewegung setzt etwas in Gang – Resonanz, wie sie es nennt.

Und genau hier beginnt ihre Arbeit an der Tracht.

Nicht als Zitat. Nicht als ironischer Kommentar. Sondern als ernst gemeinte Auseinandersetzung. Tracht wird bei ihr nicht reproduziert, sondern verschoben – in einen neuen Kontext, der sie von Folklore befreit, ohne ihre Herkunft zu leugnen. „Bayern ist mehr als Zöpfe und tiefes Dekolleté.“ Der Satz wirkt fast beiläufig, aber er sitzt. Es geht um ein anderes Verständnis von Identität: weniger Bild, mehr Erfahrung.

Frau trägt ein Korsett von MARIAHAUSE und sitzt in einem rustikalen Innenraum mit Schuhen im Hintergrund
Innenraum und Erinnerung greifen ineinander: Kleidung als Teil einer gelebten Umgebung.
Beine mit gestrickten Strümpfen und schwarzen Lederschuhen von MARIAHAUSE vor einem Holzbalkon
Ornament und Alltag treffen aufeinander: Schuhe, die Herkunft nur andeuten.
Frau lehnt an Holzbalkon und trägt ein Korsett von MARIAHAUSE mit Blick auf verschneite Landschaft
Ein Moment des Innehaltens – nah und weit zugleich, innen wie außen.

Die Kollektion „Accento Francese“ trägt diese Idee schon im Titel. Ein Akzent entsteht immer im Verhältnis – zum Ort, zum Gegenüber. Er ist nichts Festes, sondern etwas, das sich verändert. Genau so funktionieren auch die Stücke. Da ist zum Beispiel das Modèle Weber, ein Korsett aus Jacquard und Leder. Formal ließe es sich irgendwo einordnen, vielleicht sogar historisch lesen. Aber dann verschieben sich die Ebenen: Stoffe aus einer bayerischen Weberei, gefertigt in München, weitergedacht in der Toskana. Kein Ursprung, sondern mehrere. Oder der Janker. Schon das Wort ist aufgeladen. Bei MARIAHAUSE wird er leiser. Handgestrickt, entwickelt in Straßburg und München, ohne die üblichen Codes. Eher eine Erinnerung an etwas, das man nicht mehr genau benennen kann.

Die Schuhe tragen diese Bewegung vielleicht am deutlichsten.

Das Modell Lanoue wirkt auf den ersten Blick klassisch – italienisches Kalbsleder, präzise gearbeitet, Blake-Naht. Aber dann diese Stickereien, die nicht schmücken, sondern erzählen. Kleine Eingriffe, die das Objekt aus seiner Selbstverständlichkeit holen. Und Domenica: Trauben aus einem elsässischen Weinberg, gegossen von einer Kunsthandwerkerin in Paris. Eingearbeitet in einen Schuh, der plötzlich mehr ist als ein Gebrauchsgegenstand. Ein Ort, an dem sich Dinge überlagern. Am weitesten geht vielleicht der Schuh Sonntag. Eine alte Tischdecke, darin ein Medaillon mit Spuren von Haaren – fragile Relikte von Frauen, die für Weber wichtig waren. Man zögert kurz, ob man das noch Mode nennen kann. Vielleicht ist es eher Erinnerung, materialisiert.

Paar handgefertigter weißer Lederschuhe von MARIAHAUSE mit applizierten Details auf Stoff
Schuhe als Schnittstelle von Objekt und Erinnerung – Träger mehrerer Geschichten. Sonntag – Modell „Signature“ Diese Schuhe, die wie Schmuckkästchen wirken und Erinnerungen verkörpern, wurden von Hand aus einer alten Tischdecke gefertigt.
Roter handgefertigter Lederschuh von MARIAHAUSE steht im Schnee vor Waldkulisse
Ein Objekt im Raum: Schuhe als Träger von Ort, Material und Zeit. Schuh „Modèle Lanoue“: Obermaterial aus italienischem Kalbsleder, Sohle aus italienischem Leder, Handstickereien, Blake-Naht, in Veneto produziert. 1275 Euro
Detailaufnahme eines handgefertigten Lederschuhs mit Stickerei von MARIAHAUSE im Schnee
Die Geste der Hand bleibt sichtbar: Stickerei als leise Spur des Machens.

Was all diese Stücke verbindet, ist Zeit. Nicht als Konzept, sondern als reale Größe. Produktion bedeutet hier: Zusammenarbeit. Austausch. Warten. Materialien kommen von kleinen Betrieben aus Frankreich, Deutschland, Italien. Jeder Schritt ist sichtbar, zumindest im Ergebnis.

Hellblaue handgefertigte Lederschuhe von MARIAHAUSE auf gemustertem Teppich getragen mit dunklen Strümpfen
Schuhe als Erzähler: Handwerk aus Italien trifft auf textile Erinnerungen – ein Spiel aus Herkunft und Material.

Auch die Bilder folgen dieser Logik. Modefotograf und Videokünstler Leonardo Casalini begleitet das Projekt nicht von außen, sondern mittendrin. Für das erste Shooting zieht sich das Team in die Berge zurück, auf Webers Lieblingsort: die „Ritzau Alm“ bei Kufstein. Vier Tage, abgeschieden. Eine Art temporäre Gemeinschaft. Die Fotos wirken entsprechend: wenig Inszenierung, viel Atmosphäre. Schnee, Innenräume, Körper, die nicht posieren, sondern einfach da sind. Kleidung wird nicht gezeigt, sondern getragen. Zwei Frauen, zwei Orte, zwei Kontexte – ein Spiegelbild der Vorstellung, dass man mehrere Geschichten haben kann. Ein Kurzfilm, der bald gezeigt wird wurde mit einer Super-8-Kamera gedreht, was ebenfalls eine zeitlose Technik widerspiegelt.

Schüssel mit Suppe im Schnee mit dekorativem Detail von MARIAHAUSE auf einem Löffel
Auch das gehört dazu: Alltag, Wärme, ein Moment jenseits der Dinge.
Frau isst im Schnee und trägt ein Outfit von MARIAHAUSE in winterlicher Umgebung
Kein Lookbook-Moment, eher ein gelebter Augenblick.

Vielleicht ist das die stärkste Verschiebung, die MARIAHAUSE vornimmt: Tracht wird hier nicht ausgestellt. Sie passiert. Als etwas, das sich verändert, sobald es den Ort wechselt. Sobald jemand anderes es trägt. Sobald eine neue Geschichte dazukommt. Marie Weber macht daraus kein großes Programm. Sie formuliert es nicht laut aus. Sie arbeitet einfach weiter. Präzise. Und ziemlich unbeirrbar.

Frau sitzt auf Steinbank, trägt MARIAHAUSE Outfit und hält eine Brezel in der Hand
Klischee, aber verschoben: Ein vertrautes Bild, neu gelesen.
Frau von hinten mit Korsett von MARIAHAUSE vor Wand mit Gemälden in historischem Raum
Kleidung im Spannungsfeld von Kunst und Körper – Teil eines größeren Bildes.

Gut zu wissen

Die Kollektion wurde im Februar erstmals in Paris im Garten des Palais Royal präsentiert. Vom 25. Juni bis zum 7. Juli wird sie am selben Ort erneut zu sehen sein:

145 Galerie de Valois
Jardin du Palais Royal
75001 PARIS

www.mariahause.com

Frau trägt ein Korsett von MARIAHAUSE vor verschneiter Berglandschaft in den Alpen
Tracht, verschoben: Ein Korsett in der Berglandschaft, fest in der Gegenwart.
Grüne gestrickte Socken und schwarze Lederschuhe von MARIAHAUSE auf gemustertem Teppich
Material trifft Erinnerung: Strick, Leder, Muster – nichts steht für sich allein. Strickware „Modell Janker“: handgestrickt, Strick entwickelt von Inès Grendelbach in Straßburg. 220 Euro
Nahaufnahme einer Frau mit Sonnenbrille und handgefertigtem Choker von MARIAHAUSE am Hals
Ein Choker wie ein Fragment: Handwerk, das Nähe sucht und Geschichten am Körper trägt. „Modello Genovese“: Jacquard-Stoffe der Weberei Höfer aus Breitbrunn, Silberschmuck mit 0,5 Mikron Palladiumbeschichtung produziert in der Toskana. 165 Euro