Himmlische Masche
Inmitten von Wiesen und Wäldern am Fuß der Chiemgauer Alpen entsteht seit bald 50 Jahren Strick-Couture zwischen Tracht und Zeitgeist. Ein Besuch bei Inhaberin Konstanze Hofinger und ihrem Label Wolkenstricker

Ein Atelier wie aus einer anderen Welt

Kirschrote Wolle, plastische Blüten im Schulter- und Brustbereich, die man am liebsten gleich berühren möchte: Unter den zahlreichen Strickjacken in allen Farben des Regenbogens fällt dieses Modell sofort ins Auge. Farblich passende Knöpfe schließen die Jacke, angenäht mit einem farblich passenden Faden, bildet das Garn ein hauchfeines „W“ – ein Detail, das sich erst beim genauen Hinsehen erschließt. Daneben geben bodentiefe Fenster den Blick frei auf Wiesen, Wald und einen Teich. Die Kulisse, vor der die Kollektionen des Labels Wolkenstricker entstehen, ist so märchenhaft wie der Name selbst: Ein ehemaliger Einödhof im Chiemgau, in den späten 1960er-Jahren mit großen A-förmigen Balken aus dunklem Holz neu aufgebaut. Eines von vier Gebäuden beherbergt das Atelier und Lager von Wolkenstricker, gegenüber wohnt Inhaberin Konstanze Hofinger mit ihrer Familie. Dazu gruppieren sich Ferienwohnung und Stall.

Ein Familienunternehmen mit Geschichte
„Bitte nicht setzen, sonst kippen Sie um“, sagt Konstanze Hofinger – dezentes Make-up, das dunkelblonde Haar zum Pferdeschwanz gebunden – und lacht. Sie schiebt einen Biedermeierstuhl mit Sphinx-Lehne und handgeschnitzten Löwenfüßen zur Seite. „Ein Erbstück.“ Ein passender Spiegel reflektiert das Sonnenlicht, eine Lampe, deren Fuß aus einem Kamerastativ besteht, steht daneben. Die Familiengeschichte bildet den Rahmen für das Tagesgeschäft wie für das Unternehmen selbst. Ringsum hängt die Ware der aktuellen Kollektion: vielfältige Schnitte und Farben, mal mit Pailletten, mal mit Häkeldetails, sind es immer neue Variationen der handgemachten Strickjacke, für die Wolkenstricker weltberühmt ist.

Konstanze Hofinger, 53 Jahre alt, führt das Unternehmen in zweiter Generation. Vor zwanzig Jahren entschied sich die studierte Architektin, den Weg zu verlassen, den ihr Vater vorgezeichnet hatte – und in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten.
Die Anfänge: Zufall, Mut und eine Vogue-Story
Traunstein im Chiemgau, Ende der 1960er-Jahre: Eva Dietrich und ihr Mann Richard, bereits ein renommierter Architekt, kaufen ein verfallenes Anwesen, das seit Jahrzehnten leer steht. Sie ziehen mit ihren Töchtern von München aufs Land, wollen ökologisch wirtschaften, ein Haus nach ihren Vorstellungen bauen, renovieren, die Landschaft pflegen. Eva Dietrich arbeitet damals als Astrologin für die Vogue. In ihrer neuen Heimat verliebt sie sich bei einer Nachbarin in deren handgestrickte Jacke. Sie lässt sich selbst ein Modell anfertigen, aus der Wolle heimischer Schafe. Weil sie ihre neue Jacke auch zur Arbeit trägt, fragen Kolleginnen danach. Schließlich erscheint eine Fotostrecke in der Vogue, darunter Eva Dietrichs Adresse. Was dann passiert, ist eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen: Wie zufällig entsteht über Nacht ein Modelabel. „Meine Mutter konnte sich vor Bestellungen kaum retten“, erinnert sich Konstanze Hofinger. Die Aufträge kommen per Post, die Briefe füllen ganze Wäschekörbe.
Vom Einödhof in die Welt
Jetzt muss alles schnell gehen. Eva Dietrich engagiert Frauen, die von Hand stricken, zunächst in Bayern, später in Ungarn und Rumänien. „Das war noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs – und richtig mutig“, sagt Konstanze Hofinger. Bald entdecken Modehäuser wie Lodenfrey in München, Saks Fifth Avenue in New York und Emmanuelle Khanh in Paris das Label aus Oberbayern. Und aus Wolkenstricker wird ein Vollzeitunternehmen. Eva Dietrich reist alle vier Wochen zu den Strickerinnen, entwickelt Muster und Schnitte, organisiert Wolle, Garn und färbt selbst. Mit Walnuss und Blauholz. „Wunderschöne Farben, aber leider nicht lichtecht“, sagt ihre Tochter fast ein halbes Jahrhundert später.
Strick-Couture mit Haltung
Noch heute wirken die Stücke zeitlos, dabei individuell. Die Jacken sind bei Wolkenstricker kein Kostüm, sondern Haltung. Eine bewusste Entscheidung für Handarbeit, Herkunft und Zeitlosigkeit. Wolkenstricker ist Strick-Couture. Wie die berühmte Kostümjacke von Coco Chanel, die ihre Wurzeln nicht in der Pariser Haute Couture, sondern in traditioneller Kleidung hatte: Die Modemacherin orientierte sich einst an funktionalen Wolljacken, wie sie in bäuerlicher und alpiner Kleidung üblich waren: gerade geschnitten, aus weichem Strick, ohne einengendes Korsett. Auf ähnliche Weise präsentiert sich auch ein Modell aus der aktuellen Wolkenstricker-Kollektion: kurz, schwarz, dreidimensional strukturiert.
Leben und Arbeiten am „Bergwiesen“-Hof
Seit den Anfängen des Labels hat sich viel verändert. Konstanze Hofingers Eltern sind inzwischen gestorben, sie lebt auf dem Anwesen mit der klangvollen Adresse „Bergwiesen“ mit ihrem Mann, zwei Hunden, einer Katze und drei Pferden. Darüber hinaus betreibt die Familie eine extensive, zertifizierte Biolandwirtschaft. Die erwachsenen Kinder kommen am Wochenende heim, die 19-jährige Tochter Maria macht eine Ausbildung zur Damenmaßschneiderin in der Münchner Maximilianstraße. Sie hat große Lust, das Label in der dritten Generation weiterzuführen, „aber ich dränge sie nicht“, sagt Konstanze Hofinger.
Sie selbst habe lange geschwankt, welchen Weg sie einschlagen sollte. Dass sie sich nach dem Architekturstudium für Wolkenstricker entschied, war konsequent: Material, Muster und Schnitte und die Handarbeit sind ihr von klein auf vertraut. Heute sagt sie: „Ich halte den Faden von Anfang an in der Hand – bis zur fertigen Jacke.“
Handarbeit als Prinzip
Jede Wolkenstricker-Jacke entsteht in reiner Handarbeit, daran hat sich bis heute nichts geändert. Denn was die Frauen mit der Hand vollbringen, „das schafft keine Maschine“, sagt Konstanze Hofinger. Das liegt zum einen an der Komplexität der Muster. Zum anderen garantiert nur die Handarbeit, bei der Masche für Masche kontrolliert werden kann, eine optimale Passform. Die Wolle stammt inzwischen nicht mehr aus Bayern. Wolkenstricker setzt heute auf Merinowolle, der Seide und ein Hauch der Pflanzenfaser Ramie beigemischt werden. „Die Mischung wirkt wie ein natürlicher Mottenschutz, pillt nicht und hält die Form.“ Andere Modelle bestehen vollständig aus pflanzlichen Naturfasern wie Baumwolle oder Viskose.

Nachhaltigkeit ohne Schlagwort
Nachhaltigkeit ist bei Wolkenstricker kein Schlagwort – „das Wort kann eigentlich eh keiner mehr hören“ –, sondern eine natürliche Konsequenz. Die Firma bietet einen Reparaturservice an. Gratis werden Ärmel gekürzt, Kanten neu gehäkelt, Keile für mehr Volumen eingefügt, selbst vom Dackel angeknabberte Jacken lassen sich instandsetzen. „Unsere Jacken sind unkaputtbar“, sagt Konstanze Hofinger. „Meine Mutter pflegte zu sagen: Morgens führe ich damit die Pferde auf die Weide, abends gehe ich damit ins Theater“. Wolkenstricker-Jacken sind nicht nur betörend schön, sie funktionieren auch im Alltag.
Zwischen Stall und Designstudio
Konstanze Hofinger zieht sich morgens einen Tarnfleck-Overall über, bevor sie in den Pferdestall geht. Danach beginnt der Bürotag: Muster prüfen, Lieferungen kontrollieren, mit Händlerinnen sprechen. Gestrickt wird von Frauen in Heimarbeit, überwiegend in Bayern. Die Schnitte und die handgestickten, filigranen Blütenornamente entwirft Konstamze Hofinger selbst. Sie orientiert sich an Blüten, die es in der Natur gibt und denkt sich neue aus. Sie arbeitet oft bis in die Nacht an den neuen Entwürfen. Wie einst als Architektin mit dem Bleistift zeichnet sie heute mit Garn. „Das ist fast eine Sucht“, sagt sie. „Wenn ich das nicht mache, fehlt mir etwas.“
Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Hingabe und Präzision, die Frauen auf der Haut spüren. Wer Wolkenstricker trägt, wird angesprochen. Eine Kundin habe einmal gesagt, die Jacke fühle sich an „wie festgewachsen“, wie ein Teil der eigenen Persönlichkeit. Buchstäblich auf den Leib geschneidert.

Warum Wolkenstricker-Jacken weltweit begehrt sind
Mit rund 2000 Euro pro Stück sind die Jacken hochpreisig – und dennoch gefragt. Konstanze Hofinger erinnert sich an eine Amerikanerin, die Wolkenstricker bei einem Besuch in Salzburg im Schaufenster entdeckte. Damals konnte sie sich keine der Jacken leisten. Zwanzig Jahre später kam sie zurück – und kaufte gleich zwei. Die Jacken werden als Vintage-Stücke heute weltweit gehandelt, von Europa über die USA bis nach Australien. Zu den Kundinnen zählen Adelige, Schauspielerinnen aus Hollywood und Designerinnen wie Cordelia de Castellane von Dior Maison. Arnold Schwarzenegger soll in Salzburg regelmäßig mehrere Exemplare für die Frauen in seiner Familie kaufen.
Ein Mythos, der sich nicht kopieren lässt
Mit der internationalen Aufmerksamkeit wächst auch die Neugier. Überall auf der Welt, so erzählt es Konstanze Hofinger, gibt es Strickzirkel, die versuchen, Wolkenstricker-Modelle nachzuarbeiten. „Das ist natürlich eine Form von Wertschätzung“, sagt Hofinger. „Wir werden oft gefragt, ob wir nicht ein paar Strickmuster herausgeben, damit man es nachstricken kann“, sagt sie. Sie lächelt. Nicht alles, was man nachmachen möchte, lässt sich weitergeben.








